Reply: Warum schreiben wir überhaupt?

religion, religion
(Bild: Salsabil al-Almaniya, CC BY-NC-SA)

Heute stellte mir @antidemoiselle auf Twitter eine Frage …

… auf die ich in einem kleinen Beitrag antworten möchte.

Sie hat auf ihrem Blog etwas darüber geschrieben, ob und wie sie als Person und Muslima wahrgenommen wird, und sie fragt sich manchmal/immer, ob sie eigentlich manchmal/immer manches/alles falsch macht.

Ein Mensch schrieb ihr einmal: “Ich mag deine Texte, weil sie mich berühren. Hätte selbst auch nicht gedacht, dass eine Muslima das schafft (sch*** klingt das doof). Ist aber passiert, einfach so und das finde ich wirklich sehr schön.”

Nun … habe ich so etwas schon öfters gehört? Und wie fühlt sich das für mich an?

Erstmal: Ist doch super. Wir sind ja alle Menschen und damit vom gleichen Schlag. Das sollte bekannt sein, ist es aber nicht überall gleichermaßen. Wir denken, fühlen, leiden, lachen, trauern, zweifeln alle auf die gleiche natürliche Art und Weise. Es ist ja super, wenn das ein oder zwei Menschen mehr auf diesem Planeten begreifen.

Es wirbeln bei diesem Thema, das deine Frage aufwirft, ganz viele Gedanken in meinem Kopf herum. Und nach dem ich fertig mit dem Staubsaugen meiner Wohnung bin, komme ich zu dem Schluss: Ich glaube, ich habe Äußerungen dieser Art noch nicht so oft gehört.

Aber vor nicht allzu langer Zeit hatte ich den Anspruch, genau das zu erreichen. Als ich hier zu schreiben begann, wollte ich mich als Menschen mit muslimischer Identität  und mit all meinen Facetten und Interessen vorstellen. Ich hatte begonnen, die Dinge, die mich im Alltag interessieren, hier auf irgendeine Weise festzuhalten. Einige Überbleibsel sind noch im Archiv zu finden, die Gestalt der Website hat sich aber mittlerweile ziemlich verändert.

Während ich also hier einige persönliche Einblicke gab (immer mit einem gewissen Abstand zum Real Life und stets darauf bedacht, anonym zu bleiben), schrieb ich viele, viele Tweets, die weniger das widerspiegelten, was hier stattfand, sondern eine Ansammlung an Beobachtungen aus dem Leben in einer Großstadt waren – oft in Form von ironischen und sarkastischen Kommentaren. Ich glaube, ich war als Muslima deutlich zu erkennen, aber das, was ich äußerte, hatte sehr wenig mit dem Islam als meiner Religion zu tun. Der kam damals zwar schon vor, aber eher im gesellschaftlichen und politischen Kontext.

Was war also passiert? Ich versuchte – sei es bewusst oder unbewusst – den Teil meines Selbst zu präsentieren, der genau wie viele andere auf Twitter kritisch, witzig, intelligent, politisch interessiert oder scharfzüngig ist. Ich wollte damit erreichen, dass man mich als Mensch mit eben diesen Eigenschaften wahrnahm, der aber dennoch muslimisch ist. Dieses “dennoch” gibt mir heute sehr zu denken.

Eines Tages wachte ich auf und war der Person, die hinter dem kritischen, witzigen, intelligenten, politisch interessierten und scharfzüngigen Account stand, überdrüssig. Es war ja nicht ich selbst, sondern nur ein Ausschnitt. Ich hatte eine Twitter-Identität aufgebaut, die ich irgendwann nicht mehr mochte, da sie mich persönlich beschnitt.

Ich eröffnete also einen neuen Account, in dem ich in erster Linie als Muslima – mit meinem Glauben an Gott – auftreten wollte, da dass meinem realen Gefühl viel mehr entsprach. Ich war es leid, Erwartungen zu erfüllen, von denen ich glaubte, dass andere sie an mich haben. Ich wollte nicht mehr nur einen Teil dessen präsentieren, einen anderen aber zurückzuhalten – aus Angst, man würde mich dann weniger ernst nehmen. Wie absurd – wenn ich es jetzt betrachte. Wie absurd – wenn ich jetzt darüber nachdenke, worüber ich mich aber doch definiere.

Lange Rede, kurzer Sinn: Liebe @Antidemoiselle, liebe weltbeste Primamuslima, liebe Mervykay, nein, im Internet habe ich diese deine Erfahrung noch nicht so häufig gemacht. Das mag daran liegen, dass ich oft gar nicht so persönlich bin. Wenn ich persönlich werde, dann – so glaube ich nur – in manchen Teilen meines Selbst und meiner Erfahrungen, die dann in meinen Artikeln oder Tweets selbstverständlich mitschwingen. Korrigiere mich, korrigiert mich, wenn ihr einen anderen Eindruck habt! 🙂

Mein Fokus liegt heute, glaube ich, eher darauf, Informationen, die mir im Internet begegnen, zu teilen, vielleicht zu verarbeiten und meine daraus gewonnen Ergebnisse oder Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen. Manchmal denke ich dennoch öffentlich und nachlesbar im Internet. Hier auf meiner Website ist das eher im religiösen Sinne, auf Twitter denke ich auch mal schreibend über die nichtigen Wichtigkeiten und die wichtigen Nichtigkeiten des Seins nach.

Der Sinn meiner Website ist für mich irgendwie der eines öffentlichen Notizbuchs, einer Bibliothek, eines Aktenordners, in dem so vieles versteckt ist, den ich aber überall auf der Welt einsehen kann.

Einige der Menschen, die nicht dem Islam angehören, mögen darin gern mal stöbern, so wie man vielleicht auf fremde Wohnungen neugierig ist. Dass ich sie mit dem, was ich hier ansammle, berühren kann, kommt glaube ich nicht so häufig vor.

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2 Gedanken zu „Reply: Warum schreiben wir überhaupt?“

  1. Muslima hin oder her..

    Ich wünsche mir doch, dass es dem Islam hier besser geht, weil ich ihn zu liebe, aber es verletzt mich trotzdem, wenn jemand dieses “du als Muslima” anbringt.

    Ist das bei dir anders?

  2. Ich bin nicht allzu schnell persönlich verletzt und die Leute sagen auch so was nicht allzu häufig zu mir. Ich glaube, das liegt daran, dass ich in den Augen einiger/mancher/vieler Menschen ja gar keine ‘richtige’ Muslima bin … von daher kann man von mir auch keine ‘echten muslimischen Antworten’ erwarten … oder so?

    Und wenn jemand mit Pauschalisierungen daherkommt, bin ich mit einem missbilligenden Blick oder einer passenden, augenöffnenden Bemerkung oft schneller als das Gegenüber zu Ende sprechen kann. Das ist ziemlich wirksam.

    Alles in allem habe ich wenig Geduld mit Menschen zu diskutieren, die kein Interesse an mir haben und nur um ihrer selbst willen reden. Die, die mir nahestehen, reden ohnehin nicht so. Denn da bin ich ICH und kein Anschauungsexemplar.

    Wassalamu alaikum wa rahmatullah,
    Salsabil

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