Ramadanaufgabe: erfüllt?

Wie viele von euch gelesen hier gelesen haben – und ich bin wirklich überrascht, wie viele Zugriffe dieses Thema hatte! – habe ich mich für den Ramadan des Jahres 2011 (bzw. 1432 nach der islamischen Zeitrechnung) eine kleine Aufgabe gestellt: Die Sure Ya Sin lesen, verstehen und (eigentlich) auswendig lernen. Zum letzten Punkt möchte ich mich jetzt nicht äußern … gelesen und durchdacht habe ich sie aber schon. Und darüber möchte ich eher für mich, aber auch gerne für euch, wenn es euch interessiert, einige Worte schreiben.

Vorab – ich habe  (für meine Verhältnisse) unglaubliche 44 Euro in die Koranübersetzung von Muhammad Asad investiert. Um meine Aufgabe zu erfüllen,  habe ich zunächst den Tafsir von Muhammad Ali as-Sabuni gelesen – und die darin enthaltene Übersetzung, danach die Übersetzung von Asad. Und an manchen Stellen, darauf werde ich noch kommen, scheint es mir, ich hätte eine komplett andere Sure vor mir. Auf den ersten Blick scheint mir die Übersetzung von Asad auch nicht  als das Nonplusultra – was nicht unbedingt schlecht ist, da ich so weiterhin gezwungen bin, mich mit dem Originaltext auseinanderzusetzen, seine Anmerkungen werfen aber ein neues, sehr ansprechendes Licht auf manche Stelle. Vielleicht bin ich auch nur durch Paret, Hoffmann, die al-Azhar-Übersetzung und was sonst noch so an Übersetzungen im Internet umherschwirrt, geprägt. Ich bin auf jeden Fall auf die weitere Lektüre gespannt.

Die Sure Ya Sin und ihre Hauptthemen

Sie wurde, so sind sich die Gelehrten einig, in Mekka offenbart und besteht aus 83 Versen. Zu den Gründen für die Herabsendung dieser Sure (asbab al-Nuzûl) konnte ich leider nur wenig finden. Die dort aufgeführten Gründe für die Offenbarung bringen mir kaum weitere Erkenntnisse. Asad erklärt in der Vorbemerkung zu dieser Sure folgendes:

Offenbart im frühen Teil dessen, was die “mittlere” mekkanische Zeit genannt wird (wahrscheinlich kurz vor al-Furqan) ist diese Sure nahezu gänzlich dem Problem der moralischen Verantwortlichkeit des Menschen gewidmet und folglich der Gewissheit der Auferstehung und des Gerichts Gottes; und aus diesem Grund forderte der Prophet seine Anhänger auf, sie bei den Sterbenden und in den Totengebeten zu rezitieren.

Der Autor des ausführlichen Tafsirs Muhammad Ali al-Sabuni macht 3 Hauptthemen dieser Sure aus:

  • den Glaube an die Auferstehung und die Versammlung der Menschen am Tag des Jüngsten Gerichts
  • die Geschichte der Bewohner der Stadt Antiochia
  • die Anzeichen und Beweise in der Schöpfung, die auf die Existenz Gottes hinweisen.

Muhammad Asad schreibt – auf die Bewohner des Stadt Antiochia bezogen – in der Anmerkung zu 36:14 folgendes:

Wie bei solchen Passagen üblich bringen die Kommentatoren verschiedene Spekulationen hinsichtlich der Identität der Stadt und der Gesandten vor. Da die Geschichte jedoch klar als Gleichnis beschrieben ist, muss sie als solches und nicht als geschichtliche Erzählung verstanden werden. Mir scheint, wir es hier mit einer Allegorie der drei großen momotheistischen Religionen zu tun haben, die nacheinander von Moses, Jesus und Muhammad verkündet wurden und dem Wesen nach dieselben spirituellen Wahrheiten verkörpern. Die in dem Gleichnis erwähnte Stadt (qarya) stellt meines Erachtens die gemeinsame kulturelle Umgebung dar, in der diese drei Religionen auftraten.

Diese Auffassung überzeugt mich nicht besonders, die Tatsache, dass man ein Gleichnis sehr wohl als Gleichnis annehmen sollte, besonders wenn es explizit als solches vorgestellt wird, dafür um so mehr.

Einige besonders interessante Stellen in der Sure Ya Sin

36:1-6 O du Menschenwesen! Betrachte diesen Qur’an voller Weisheit: wahrlich, du bist fürwahr einer von Gottes Botschaftsüberbringern, einen geraden Weg verfolgend durch das, was von droben erteilt wird von dem Allmächtigen, dem Gnadenspender, (dir erteilt,) auf dass du Leute warnen mögest, deren Vorväter nicht gewarnt worden waren und die deshalb ungewahr sind (der Bedeutung von Recht und Unrecht). (Übersetzung von Asad)

In diesen Versen wird Muhammad selbst angesprochen, es wird ihm – wie es mir scheint – Mut zugesprochen, denn wie aus seiner Biografie bekannt, war es nicht immer einfach für ihn, als Gesandter Gottes aufzutreten. Die implizit enthaltenen Zweifel an der … eigenen Großartigkeit … könnte man sagen … sind mir äußerst sympathisch. Maududi widerspricht mir in diesem meinen Verständnis allerdings. Asad versteht die Anspielung auf die Vorväter, die nicht gewarnt worden sind, als Metonymie: er geht davon aus, dass hier auf die Mangelhaftigkeit des ethischen Erbes von Leuten, die sich wahren moralischen Werten entfremdet haben, angespielt wird – ein interessanter Gedanke.

36:20-21 Da kam ein Mann vom entferntesten Ende der Stadt gelaufen (und) rief aus: “Oh mein Volk, Folgt diesen Botschaftenüberbringern! Folgt jenen, die keinen Lohn von euch verlangen und selbst rechtgeleitet sind!” (Übersetzung von Asad)

Dies ist einer der Punkte, die mich – als ich begonnen hatte, mich mit dem Islam zu beschäftigen – am meisten an meiner damaligen Einstellung zur Religion zweifeln ließen. Ich hatte Religion nie wirklich ernst genommen, da es für mich so offensichtlich war, dass sie nur gemacht worden war, um einigen Menschen Vorteile gegenüber anderen zu verschaffen.

Warum trat Muhammad aber denn als Prophet auf, wenn ihm das kaum Besitz bescherte, wenn  er Geschenke und andere Belohnungen von den Quraisch und anderen ablehnte, wenn er verfolgt wurde und um sein Leben fürchten musste, warum trat er dann als Prophet auf?  Man bot ihm einiges, was den durchschnittlichen damaligen Mann vermutlich interessiert hätte, warum lehnte er ab und predigte weiterhin von der Einheit und der Einzigkeit Gottes? Unter anderem an diesem Punkt setzte ich damals an … und in diesem Vers wird auch darauf Bezug genommen: Folgt jenen, die keinen Lohn von euch verlangen.

36:66-68 Wenn es nun unser Wille gewesen wäre, dass die Menschen nicht fähig sein sollten, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden,) wir hätten sie sicherlich ihres Augenlichts berauben können, so dass sie für immer vom (rechten) Weg abirren würden: denn wie hätten sie Einsicht haben können (in das, was wahr ist)? Und wenn es unser Wille gewesen wäre, (dass sie nicht frei sein sollten, zwischen Recht und Unrecht zu wählen,) wir hätten ihnen sicherlich eine andere Natur geben können (und sie als) an ihren Plätzen (verwurzelte Wesen erschaffen), so dass sie nicht fähig wären, sich vorwärts zu bewegen, und nicht umkehren könnten. Aber (sie sollen immer gedenken, dass) wenn wir die Tage eines Menschen verlängern, wir ihn auch in seinen Kräften abnehmen lassen (wenn er alt wird): wollen sie denn nicht ihren Verstand gebrauchen? (Übersetzung von Asad)

Welch wunderbare Verse – ich sollte sie umgehend auswendig lernen und jederzeit parat haben! Ich muss aber zugeben, dass diese Übersetzung im Vergleich zu den konventionellen recht ungewöhnlich klingt. In den vorhergehenden Versen werden Dinge auf dieser Erde benannt, die die Menschen nutzen dürfen, ohne dass sie etwas dazu getan haben, und es wird auf den Tag des Jüngsten Gerichts verwiesen. Gott beschreibt, was geschehen wird, was er die Menschen fragen wird:  

Habe ich euch nicht geboten, o ihr Kinder Adams (sprich: alle Menschen!), dass ihr nicht Satan anbeten sollt – da er wahrlich euer offener Feind ist – und dass ihr mich allein anbeten sollt? Das wäre ein gerader Weg gewesen! Und (was Satan angeht -) er hatte schon sehr viele von euch irregeleitet: konntet ihr den nicht euren Verstand gebrauchen? (36:59-62)

Daraufhin folgen die oben zitierten Verse. Unmittelbar auf die Ankündigung der Strafe, die den Menschen für seine Verfehlungen ereilen wird, wird also sehr eindringlich darauf verwiesen, dass wir unseren Verstand benutzen sollen, um zwischen Recht und Unrecht zu entscheiden (das hier verwendete Wort ist ta’qilûna – von der Wurzel ‘aqala abgeleitet). Für mich bedeutet das ganz klar, dass von niemandem erwartet wird, einer Auslegung zu folgen, ohne diese zu hinterfragen und zu begreifen – mehr noch: genau das wird von den Menschen verlangt! Das deutet daraufhin, dass der Mensch in der Lage ist, mit seinem Verstand Gutes und Schlechtes zu erfassen.

In einigen anderen Übersetzungen wird diese Aufforderung allerdings nicht so offensichtlich transportiert: alhamdulillah.net. Wenn man sie genau liest, mit dem arabischen Text vergleicht und überlegt, wer mit diesen Versen angesprochen ist (nämlich jeder von uns), kommt man aber zu dem gleichen Schluss. Hier schließt sich natürlich die große Diskussion um die Willens- und Handlungsfreiheit an, in die ich ein anderes Mal einsteigen möchte.

Die Sure wird mit folgendem Vers abgeschlossen:

36:83 Grenzenlos also in seinem Ruhm ist er, in dessen Hand die mächtige Herrschaft über alle Dinge liegt: und zu ihm werdet ihr alle zurückgebracht! (Übersetzung von Asad)

Auch diese Zeilen gefallen mir sehr, denn es erinnert daran: wir alle kommen von Gott und wir alle werden zu ihm zurückgebracht. Wa ilayhi turja’ûn.

Es gibt einen bekannten Hadith (einen Ausspruch des Propheten Muhammad), der folgendermaßen lautet:

„Alles hat ein Herz, und das Herz des Korans ist Yasin. (…)”

Es gibt verschiedene Versionen, wie dieser Hadith vollständig lautet, im Tafsir von al-Sabuni wird dieser Hadith eingangs genannt. Er wurde von al-Tirmidhi in seine Hadith-Sammlung aufgenommen, allerdings mit der Einstufung “da’if”, also mit einer schwachen Überliefererkette. Der konservative Gelehrte al-Albani stuft ihn als Erfindung ein. Ich frage mich, warum der Hadith dann so weit verbreitet ist. Ohne Frage enthält die Sure einige sehr wichtige Aussagen, einen verfälschten Hadith braucht es aber wohl nicht, um das zu erkennen.

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