Der Islam und sein Imageproblem – eine Rezension

Im Klappentext des Buchs Imageproblem – das Bild vom bösen Islam und meine bunte muslimische Welt von Anja Hilscher, erschienen am 23. April 2012 im Gütersloher Verlagshaus, wird angekündigt, dass hier „all denen, die meinen, vom Islam nun wirklich alles zu wissen, gehörig der Kopf gewaschen“ wird. Na, dann mal los.Da liegt es nun – ein Buch über die Imageprobleme des Islam. Ein Buch das aufklären will. Über den Islam. Wie er denn nun wirklich ist.

Das Image des Islam. Tja, das heißt wohl soviel wie dessen Außendarstellung, sein Ansehen, sein Erscheinungsbild. Und in der Hinsicht hat der Islam also ein Problem. Klingt so, als ob Anja Hilscher das Bild des Islam nur ein bisschen polieren will – alles, was innerhalb der muslimischen Community schief läuft, wird sich dann schon richten. Aber das ist nicht ihr Ansinnen, glaube ich. Sie unterscheidet sehr wohl zwischen dem, was sie als die Essenz des Islam versteht, und dem, was in der muslimischen Community gelebt wird.

Doch genau hier liegt mein Problem. Es wird zu wenig betont, dass sie von einer Essenz des Islam spricht, die ihrem persönlichen Verständnis entspringt. Dass es noch viele andere Wege gibt, die möglicherweise genauso nah an der Wahrheit sind. Ich mag es nicht, wenn jemand sein Verständnis als das einzig wahre anpreist, so sympathisch es auch sein mag. Und das tut Anja Hilscher. Sie spricht von „uns“, als der Stimme all derer Muslime, die klar denken können und nicht so durchgeknallte Terroristen, Fundamentalisten oder Salafisten sind – wie auch immer man sie bezeichnen will. Dabei ist nicht klar, für wie viele von „uns“ sie spricht. Und ich kann sagen, dass sie nicht durchweg für mich spricht.

Als ich die ersten Seiten las, wurde ich sofort vom rasanten, herausfordernden und speziellen Schreibstil der Autorin mitgerissen. Für meinen Geschmack gab es von allem gelegentlich etwas zu viel, was mich eher anstrengte als unterhielt. Das könnte allerdings daran liegen, dass ich ähnlich hektisch und aufgedreht bin, wie ich die Autorin wahrnehme.

Ich bewundere die Energie und Motivation von Anja Hilscher, die all den platten Sprüchen, die man als Muslim so hört, etwas entgegen setzen möchte. Ich habe für mich persönlich schon lange entschieden, dass ich darauf keine Lust habe, dafür keine Geduld und Energie aufwenden möchte. Wer wirklich interessiert ist, kommt mit mir ins Gespräch, ganz sicher. Wer erwartet, dass ich ihm die Welt, den Islam, meinen Islam haarklein erkläre und auf einem Silbertablett serviere, ist bei mir falsch. Er könnte sich aber Frau Hilschers Buch zu Gemüte führen. Alle Dauerbrenner von Ehrenmord und Zwangsverheiratung über Gleichberechtigung bis hin zum Kopftuch werden behandelt. Leider geschieht das in einer Reihenfolge, die keinem roten Faden folgt – jedenfalls kann ich ihn nicht erkennen. Die einzelnen Kapitel hätten ebenso gut als Kolumne in einer Zeitschrift veröffentlicht werden. Ich mag es nicht besonders, wenn in einem Buch keine Argumentationslinie, kein Spannungsbogen zu erkennen ist, der einen zu einer Erkenntnis führt. Viele Gedanken, die mit Sicherheit inspirierend sein können, werden kreuz und quer über das Buch verteilt. Einige sehr interessante Gedankengänge fallen diesem wild umher sprudelnden Schreibstil zum Opfer.

Themen wie das Gottesbild im Islam interessieren mich sehr, ich wünsche mir aber eine viel intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema als sie im Rahmen dieses Buch geleistet wird und vermutlich gewollt ist. Das Buch richtet sich an Nichtmuslime, ganz klar. Wer eine tiefere Auseinandersetzung bevorzugt, wird möglicherweise enttäuscht werden. Dabei bezweifle ich nicht, dass Anja Hilscher diese führen könnte – sie tut es in diesem Buch nur nicht. Wer es als einen vergnüglichen Einblick in die Gedankenwelt einer Muslima versteht, möge es lesen und gut unterhalten werden.

Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen versuchen, allgemein gültige Schlüsse aus den Äußerungen einzelner Muslime zu ziehen – das mag menschlich sein, ich mag es aber nicht. Und genau das kann auch hier geschehen: Es wird eine Gruppe von Muslimen gezeichnet, die sich doch gar nicht so von der deutschen Mehrheitsgesellschaft unterscheidet. Ich möchte aber, dass diese Einteilung in Gruppen, in die guten und die schlechten, aufhört. Jeden Muslim bewegen andere Gründe, dieses oder jenes zu tun oder zu lassen – ich sehe keinen Sinn darin, immer wieder neue Gruppen zu definieren, die noch so vernünftig oder eben unvernünftig sind. Ich will allen zurufen: beschäftigt euch mit den Menschen selbst! Fragt sie, kommt mit ihnen ins Gespräch! Versucht nicht, alle zu kategorisieren! Ich bin aber ziemlich sicher, dass es nach der Lektüre des Buches immer noch die einen gibt, die sagen, die Hilscher biegt sich ja alles nur so zurecht, wie es ihr gefällt. Auf der anderen Seite wird es die geben, die sagen: „Ach, so ist das! Die sind ja doch nicht alle verrückt, die Muslime!“ Und das alles ändert doch nichts daran, dass versucht wird, „diese Muslime“ in Kategorien zu pressen. Guter Muslim, schlechter Muslim. Wie wär’s mit guter Mensch, schlechter Mensch? Besser noch: Mensch, mit dem ich was anfangen kann, und Mensch, mit dem ich nichts anfangen kann?

Ich wünschte mir ein Buch dieser Art, das weniger unterhalten will, sondern mehr Einsichten in das Innenleben der Autorin, einer ganz besonderen, einzelnen Muslimin mit ihren eigenen Erfahrungen und Erlebnissen, gibt. An mehreren Stellen will ich nachhaken, mehr erfahren, wünsche mir, dass die Autorin in die Tiefe geht. Doch das geschieht nicht.

Was am Ende herauskommt: Eine kurzweilige Lektüre für all jene, die dem Islam prinzipiell eher offen gegenüber stehen und diese Offenheit auf schnelle, unterhaltsame Art und Weise bestätigt haben möchten.

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